Der Fahrradsturz – Eine Balu-und-Du-Geschichte

Manchmal ist ein roter Luftballon einfach nur ein roter Luftballon. Zuweilen jedoch ist er ein Tor zu einem anderen Universum. Der Ballon, zunächst bewegungslos, schrumpelig und lasch, bläht sich durch unseren Atem auf und wird zu
einem lebendigen Wesen. Das neu entdeckte Wesen beteiligt sich sogar an Spielen: Es fliegt, stößt sich an Möbeln ab, schwebt – gemeinsam halten wir es in der Luft und kommen manchmal einem Absturz nur knapp zuvor. A., mein Mogli, saust und tobt, fliegt durch den Raum, um dem Ballonwesen zu Hilfe zu kommen. Dass der Ballon noch gar kein Haus zum Leben hat, fällt uns jetzt erst auf. Eifrig zerschneiden wir Karton, verbinden die Teile mit Schnüren und Kleber, vergessen auch Fenster und Türen nicht. Bevor das fragile Dach aufgesetzt wird, darf das rote Ballonwesen einziehen. Die Schreibtischlampe schaltet sich ein und mimt die untergehende Sonne. Das Ballonwesen hatte einen langen Tag und sollte langsam schlafen gehen, findet A.

Die Deckenlampe wird gelöscht. Wir lassen das Ballonwesen träumen und erzählen uns erfundene Geschichten über andere mögliche Wesen in diesem Universum – sprechende Maulwürfe, die den Sinn des Lebens kennen, zum Beispiel. Irgendwann werden auch wir, Mogli und Balu, müde…

So, so ähnlich, aber auch ganz anders sind die Tage, die ich mit meinem Mogli verbringen darf. An manchen Tagen bewegen wir uns auch in der Realität. Beim Fahrradfahren zum Beispiel: Stundenlang üben wir, das Gleichgewicht zu halten und in gegenseitiger Rücksicht. Hin und wieder pausieren wir auf einer Bank und essen mitgebrachte Früchte, deren Saft uns das sonnengebräunte Kinn hinunterläuft.

Mitunter testen wir auch Grenzen: A. fährt rasant einen Berg hinunter und kann nicht mehr rechtzeitig bremsen. Sie reißt den Lenker herum und stürzt – es folgen Tränen, Schreie und Wimmern. Ich tröste sie, so ein Sturz kann schon einmal passieren. Zum Beweis zeige ich ihr eine Knieschramme, die ich mir zwei Tage zuvor beim Radfahren geholt habe.

Als ich dann vorschlage, dass wir nun die Räder nach Hause schieben, winkt A. ab – sie will den Berg noch einmal angehen. Als sie diesmal sicher unten ankommt, ist sie unendlich stolz, und mir bleibt nur, ihren Mut und ihre Sturheit zu bewundern. An solchen Tagen kann ich nur staunen, wie sehr Moglis Neugierde ihre Angst überwiegt. An solchen Tagen bin ich entzückt, in welche Universen sie mich entführt. An solchen Tagen bin ich sprachlos, was für ein besonderes Kind ich begleiten darf.

Balu Bianca

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